Rückblick IHM 2018: Politik, internationaler Austausch und Tipps für gelungene Digitalisierung

© Laura Jankowski

Rückblick IHM 2018: Politik, internationaler Austausch und Tipps für gelungene Digitalisierung

Das Handwerk steht den Chancen des digitalen Wandels zwar aufgeschlossen gegenüber, doch für 56 Prozent der Betriebe ist die Digitalisierung in der Praxis eine Herausforderung, wie eine Studie des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) und des Digitalverbands BITKOM zeigt. Deshalb informierte das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk die Handwerksbetriebe, Handwerkskammern, Verbände und Innungen bei der diesjährigen Internationalen Handwerksmesse (IHM) vom 7.-13. März zu den Chancen der Digitalisierung für das Handwerk und rückte hierbei die Frage in den Mittelpunkt, wie die Digitalisierung praktisch gelingen kann.

So erklärte das Kompetenzzentrum den rund 60 Gästen seines Dialogforums „Digitalisierung im Handwerk“ auf der IHM, wie sich Digitalisierungsstrategien am besten umsetzen lassen. In der Praxis hat sich ein dreistufiges Verfahren zur Einführung digitaler Werkzeuge bewährt. Den ersten Schritt –eine Analyse, die das Digitalisierungspotenzial im eigenen Betrieb auslotet – konnten die Unternehmerinnen und Unternehmer mithilfe des kostenlosen Digitalisierungscheck sofort am Stand machen. Viele Besucherinnen und Besucher nutzten dabei auch die Gelegenheit, sich mit Betrieben aus den Schaufenstern des Kompetenzzentrums austauschen, die digitale Technik bereits erfolgreich in der Praxis nutzen und am Stand ihre Arbeit präsentierten. Zahlreiche nationale und internationale Delegationen taten es ihnen gleich. Selbst die Bundeswirtschaftsministerin Zypries informierte sich am Stand zu den Chancen des Internet of Things für das Handwerk und der Frage, wie digitale Werkzeuge die Ausbildung verbessern können.

Mehr Kunden, bessere Arbeitsplätze: Kompetenzzentrum erklärt Nutzen digitaler Werkzeuge

Hier zeigte das Kompetenzzentrum interessierten Handwerksbetrieben und Vertretern von Handwerksorganisationen unter anderem, wie kleine Montagebetriebe durch den Einsatz von 3D-Druckern selbst zu Herstellern werden und damit ihr Angebotsportfolio erfolgreich ausbauen können. Betriebe aus ländlichen Regionen können wiederum Online-Konfiguratoren nutzen, um individuelle Produkte herzustellen. Dadurch nutzen sie den Trend der Konsumenten zur Individualisierung, um den Kreis ihrer Kundschaft auf ganz Deutschland oder Europa, teilweise sogar weltweitauszudehnen. Zudem führte das Zentrum vor, wie Virtual Reality oder spezifische Werkzeuge wie das Farbcodemessgeräte einer Malerei die Kundenberatung verbessern können. Die Gäste erfuhren außerdem, wie Roboter effizienter zu produzieren – und nicht die Angestellten ersetzen, sondern sie von körperlich anstrengender und auf lange Sicht gesundheitsgefährdender Arbeit entlasten.

Bundesministerin Zypries informiert sich zum Internet of Things und Ausbildung 4.0

Auf der IHM durfte das Kompetenzzentrum auch zahlreiche nationale und internationale Delegationen sowie Spitzenpolitikerinnen und -politiker begrüßen. So informierten sich die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, und der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, über die Chancen des Internet of Things für das Handwerk. Die intelligenten Sensoren können interne Prozesse verbessern – von der Intralogistik bis zur Fertigung. Die Tischlerei holzgespür nutzt die Technik bereits, um optimale Lagerbedingungen – von der Temperatur bis zur Luftfeuchtigkeit – und um den idealen Verarbeitungszeitpunkt von Holz zu bestimmen.

Bei ihrem Besuch gingen Bundesministerin Zypries und ZDH-Präsident Wollseifer außerdem der Frage nach, wie digitale Werkzeuge die Ausbildungen des Handwerks verbessern. Die Bundesministerin machte direkt den Praxistest: Sie steuerte einen Simulator, mit dem sich das Führen von Baugeräten üben lässt. Das spart zum einen den Ausbildungsbetrieben teure Maschinenstunden und bereichert zum anderen den Ausbildungskanon um eine spielerische Komponente. Ihr parlamentarischer Staatssekretär Dirk Wiese testete eine Virtual Reality-Brille. Das Interesse der Delegationen aus Italien, Frankreich, Österreich und Luxemburg galt vor allem der Struktur und dem Angebot des Kompetenzzentrums. Sie prüfen, ob sich der Ansatz auch auf das Handwerk in ihren Länder übertragen lässt. Die deutsch-französische Delegation befasste sich wiederum besonders mit Fragen des digitalen Bauens.

Dialogforum: Handwerk kann die Digitalisierung in drei Schritten meistern

Ein Höhepunkt war das Dialogforum am 8. März. Dort stellten die Expertinnen und Experten des Kompetenzzentrums ihre Erfahrungen aus den Umsetzungsprojekten vor. Grundsätzlich empfiehlt das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk ein dreistufiges Verfahren, mit dessen Hilfe dem Handwerk die Digitalisierung in der Praxis gelingt.

  1. Stufe: Digitalisierungspotenziale identifizieren

Im ersten Schritt wird der Status Quo des Betriebs analysiert. Alle Bereiche und Prozesse werden kritisch unter die Lupe genommen – von der Gestaltung der Geschäftsprozesse, über die angebotenen Produkte und Dienstleistungen bis hin zu den finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen. Ziel ist es, den gegenwärtigen Digitalisierungsgrad und den tatsächlichen Bedarf des eigenen Betriebs zu bestimmen und so die Digitalisierungspotenziale zu identifizieren.

Neben dem Heben von Effizienzpotenzialen etc. rücken auch die Kunden ins Visier. Die Digitalisierung macht sie zu gut informierten und vernetzten Akteuren mit hohen Ansprüchen, z.B. an schnelle Auftragsbearbeitung oder 24-Stunden-Serviceleistungen. Künftig hängt der wirtschaftliche Erfolg eines Betriebs nicht mehr von einzelnen Produkten und Dienstleistungen, sondern auch von innovativen Geschäftsmodellen ab, die digitale Lösung für den Kunden anbieten. Das bedeutet: Produkte und Dienstleistungen werden so mit digitalen Werkzeugen kombiniert, dass sie klar definierte Probleme von Kunden lösen. Um ihnen also einen echten Mehrwert zu bieten, analysiert man ihre Bedürfnisse und Interessen. So lässt sich das Angebot genau auf sie zuschneiden.

  1. Stufe: Strategie und Fahrplan entwickeln

Auf Basis der Potenziale im Unternehmen und auf Seiten der Kunden werden die Ziele der Digitalisierungsstrategie definiert. Sie wird mit einem Maßnahmenplan für die Umsetzung unterfüttert. Hier gilt die Faustregel: Viel hilft nicht viel. Längst nicht jedes digitale Werkzeug auf dem Markt ist für jeden Handwerksbetrieb sinnvoll. Es lohnt sich, die Instrumente des digitalen Werkzeugkastens einzeln auf den Nutzen für den eigenen Betrieb zu prüfen. Neben Sicherheit und rechtlichen Fragen werden in diesem Schritt alle Maßnahmen auf Wirtschaftlichkeit geprüft. Auch die Frage zur Finanzierung steht im Raum – ob eigene Mittel, Kredite, steuerliche Abschreibung oder Fördergelder. Zum Schluss fließen alle Maßnahmen in einen Digitalisierungsfahrplan, der die einzelnen Etappen auf dem Weg ins digitale Zeitalter skizziert.

  1. Stufe: Umsetzung anpacken

Erst im dritten Schritt beginnt die Umsetzung. Den Erfahrungen des Kompetenzzentrums zufolge empfiehlt es sich, mit Maßnahmen zu starten, die mit wenig Aufwand und Kosten umsetzbar sind und schnell erste Erfolge zeigen. Beispiele hierfür sind unter anderem der Aufbau digitaler Kundenschnittstellen, zum Beispiel über soziale Netzwerke und Einträge in Suchmaschinen. Denn über diese Kanäle erreicht man die Kunden am schnellsten – und künftig wohl auch am besten, wenn die meisten Kunden online nach einer Handwerksleistung suchen. Im Anschluss empfiehlt sich die Digitalisierung der internen Prozesse, um das interne Effizienzpotenzial zu heben – von der digitalen Datenerfassung bis zur Einführung eines ERP-Systems. Zum Schluss stehen die größeren Projekte, wie zum Beispiel die Etablierung neuer Serviceangebot, auf dem Plan.

Zentralverband des Deutschen Handwerks Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität Hannover Bundestechnologiezentrum für Elektro- und Informationstechnik e. V. Bildungszentren des Baugewerbes e. V. Handwerkskammer Koblenz Handwerkskammer Dresden Handwerkskammer Oberfranken